Libertärer Autismus

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Vermutlich hat Nancy McLean sogar in einem Detail recht. Die Historikerin konstruierte kürzlich eine durchaus böse gemeinte Verbindung zwischen Libertären und Autisten. Viele Libertäre seien im autistischen Spektrum anzusiedeln, sagte MacLean bei einer Veranstaltung.

Die Autorin eines völlig verunglückten Buches über den Ökonomen James Buchanan sieht die Parallele darin, dass es sich um Menschen handele, die weder Solidarität noch Empathie für andere empfänden, und manchmal  irgendwie schwierige zwischenmenschliche Beziehungen hätten.

It's striking to me how many of the architects of this cause seem to be on the autism spectrum. People who don't feel solidarity or empathy with others, and who have kind of difficult human relationships sometimes.

Nancy McLean

Das ist erstens grob vereinfacht und zweitens bösartig gegenüber Autisten. Aber ein Sandkorn Wahrheit steckt auf jeden Fall in MacLeans Assoziation von Autismus und Libertarismus. Das liegt nicht nur daran, dass Libertäre sich häufig zu Aussagen herablassen, die nur unsolidarisch und anti-empathisch verstanden werden können.

Meiner unwissenschaftlich-anekdotischen Erfahrung nach scheint der Libertarismus tatsächlich für Autisten ansprechender zu sein, als für den „normalen“ Durchschnitt.

Das hat allerdings nichts mit der vermeintlichen Gefühlskälte von Autisten zu tun.


These

Man wird unter Libertären anteilig mehr Autisten finden, als in der Gesamtbevölkerung. Das hat wenig mit den Inhalten und viel mit der Struktur libertären Denkens zu tun.


Libertarismus ist in seiner Theorie ein logisch durchstrukturiertes Denkgebäude.

  • Jede Person ist rechtmäßige Eigentümer(in) ihrer selbst und der Früchte ihrer Arbeit.
  • Freiheit ist der Zustand, in dem das Eigentum an sich selbst unverletzt bleibt.
  • Das Selbst-Eigentum darf nicht von außen verletzt werden.
  • Äußere Eingriffe durch Steuern, Überwachung, Schulpflicht etc. verletzen dieses Recht.
  • Deshalb sind sie aus libertärer Sicht abzulehnen.
    etc. pp.

„Normale“ Menschen mit starker emotionaler Intuition werden durch die möglichen Folgen dieser theoretischen Prinzipien häufig abgestoßen. Konsequent durchdachter Libertarismus würde bedeuten, dass man niemanden zwingen kann, mit Verhungernden seine Nahrung zu teilen.

Im Grunde ist jedes libertäre Argument eine stringente Ableitung aus dieser (zugegebenermaßen sehr) groben Skizze. Aus A folgt B folgt C … etc. … folgt Q.


Kleiner Exkurs

Aus Hong Kong, das wirtschaftlich (nicht gesellschaftlich, erst recht nicht politisch) einer libertären Utopie am nächsten kommt, sind dennoch keine Hungertoten bekannt. Echte Hungersnot ist allerdings umso wahrscheinlicher je weniger effizient die Marktkräfte walten: Zum Beispiel in Venezuela. Es sollte nach kurzer Überlegung unzweifelhaft sein, dass es weitaus empathischer ist, den Venezuelanern Hong Konger Verhältnisse zu wünschen, als umgekehrt.


Autisten unterscheiden sich von der Mehrheit nicht nur durch ihre vermeintliche, nicht tatsächliche, Empathielosigkeit. Sie neigen auch häufig zu Ordnungsritualen, um die Welt um sich herum zu verarbeiten.

Libertäres Denken ist ein Ordnungsritual. Man beginnt jede Bewertung der Weltenläufte, jedes Werturteil, jedes Argument mit der Frage ob das Selbsteigentum verletzt wird und arbeitet sich dann Schritt für Schritt zur Konklusion durch.

So eine Denkschablone kann für Autisten durchaus attraktiver sein, als eine Weltsicht, die auf logisch schwer nachvollziehbaren intuitiv-emotionalen Impulsen gründet.

Welche Form die Denkschablone hat, ist dabei nachrangig gegenüber der Tatsache, dass die Denkschablone eine Denkschablone ist.

Das hat mit Inhalten nichts zu tun. Nancy MacLean da hat etwas verwechselt.