Falk Fallenstein (1941-2019) – Vater, Wissenschaftler, Vorbild

Mein Vater Falk Wilhelm Fallenstein starb, weil sein Körper nicht mit seinem Geist Schritt halten konnte. Er hinterlässt eine trauernde Familie, aber auch einen wertvollen Beitrag für eine bessere Welt. Mein Vater war ein verdienstvoller Wissenschaftler in der Geburtsheilkunde, ein wacher Geist und ganz einfach ein pflichtbewusster Mensch – ein Vorbild.

Mein Vater konnte schon auf ein langes erfülltes Leben mit Höhen und auch Tiefen zurückblicken, als er sich in den letzten Wochen vornahm, noch einmal etwas großes in Angriff zu nehmen. Er wollte seiner Frau Aleksandra, meiner Mutter, nach Jahrzehntelanger Trennung wieder näher sein. Er wollte Zeit mit seinen Enkelkindern verbringen und die unpassende Wohnung in Berlin-Neukölln hinter sich lassen. Mit inzwischen 78 Jahren, wenige Monate nach seinem Herzinfarkt, suchte mein Vater ein neues Zuhause in Charlottenburg. Er überwand die Sucht und begann seine Angelegenheiten zu ordnen, um noch einmal neu zu beginnen.

Mitten in diesen Anstrengungen versagte am 11. Juli 2019 sein Herz den Dienst. Es waren gewaltige Anstrengungen, die nicht selbstverständlich sind, nach einem Leben wie mein Vater es hatte.

Er wurde am 11. Juni 1941 in Greiz in Thüringen geboren und überlebte schon als Kleinkind im Zweiten Weltkrieg einen Bombenangriff, weil eine Tür auf seinen Kinderwagen fiel und ihn vor den Trümmern schützte. Er lebte das dadurch gewonnen Leben so, dass ich heute stolz sein darf, daran zu erinnern.

Kurz nach dem Krieg starb sein älterer Bruder Helmut. Falk war damit das älteste der vier Geschwister Robert, Matthias und Cornelia. Die Familie floh aus der DDR in die Bundesrepublik und siedelte sich im niedersächsischen Hameln an.

Dort wuchs er auf, besuchte die Schule, und bestand das Abitur mit sehr guten Noten in naturwissenschaftlichen Fächern. Er verliebte sich zum ersten Mal in ein Mädchen mit dem Namen Heidrun. 

Er diente mehrere Jahre bei der Bundeswehr, die er 1963 als Leutnant der Reserve verließ. Er studierte Physik in Marburg und arbeitete als Gymnasiallehrer an der Stiftsschule im hessischen Amöneburg. Er heiratete seine erste Frau Anne, die Ehe hielt aber nicht lange.

1979 lernte Falk in Marburg meine Mutter Aleksandra kennen. Als er eine Anstellung in der Schweiz fand, zogen die beiden nach Greifensee bei Zürich, wo sie 1980 heirateten. Dort wurden 1982 ich und 1985 meine Schwester Julia geboren. Mein Vater arbeitete im Frauenspital der Universitätsklinik Zürich als Physiker. Hier begann er seine Arbeit, die ein wahres Geschenk an die Menschheit werden sollte. 

Mein Vater forschte daran, Frühgeburten zu verhüten. Er entwickelte Sensoren und Verfahren, um die für Frühgeburten typischen Wehen zuverlässig zu erkennen und automatisch Medikamente dagegen zu verabreichen. Gemeinsam mit Professor Ludwig Spätling setzte er diese Arbeit an zwei weiteren Stationen fort.

1986 kamen wir nach Deutschland. Mein Vater setzte seine Arbeit am Marien-Krankenhaus in Herne fort. 1997 zog er nach Fulda um dort weiter zu forschen. Leider wurde das Forschungsprojekt schließlich eingestellt.

2006 kam er schließlich als Rentner nach Berlin, Nun lebte die ganze Familie wieder in der gleichen Stadt. Mein Vater entschied sich mit über 70 Jahren noch eine neue Sprache, eine Programmiersprache, zu lernen. Damit baute er online das Projekt unser-Hameln.deauf und er setzte der Stadt seiner Jugend ein Denkmal. Er engagierte sich als Moderator der gleichnamigen Facebook-Gruppe und leistete seinen Beitrag, einen Ort des konstruktiven Austauschs im Internet zu schaffen.

Er bekam in den letzten Jahren zwei Enkelkinder und verlor seine hochbetagte Mutter Johanna.

Mein Vater zeichnete sich immer dadurch aus, dass er seine Verantwortung ernst nahm. Wenn es unangenehm wurde, biss er sich durch. Die Verpflichtung gegenüber seinen Mitmenschen nahm er stets ernst und ertrug viele Kränkungen und Enttäuschungen. Er liebte seine zwei Enkelsöhne und freute sich auf sein drittes Enkelkind.

Am 11. Juni erlag mein Vater Falk seinem letzten Herzinfarkt. Um ihn trauern seine Frau, seine Kinder und seine Geschwister.

Ich bin zutiefst traurig über den plötzlichen Tod meines Vaters, weil er aus diesem bereits reichen und erfüllten Leben noch so viel machen wollte – ich finde Trost in der Gewissheit, dass er es nicht umsonst gelebt hat.