Kategorie: Artikel

Legitime Berlin-Kritik

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, wenn ich sage: Das Bundesland Berlin gehört ersatzlos abgeschafft und an Brandenburg übergeben. Ich liebe Berlin und lebe gerne hier. Von der übersprudelnden Urbanität im Zentrum bis zum rauen, ehrlichen Charme der Außenbezirke ist es kein Zufall, dass abertausende Menschen aus aller Welt hier ein paar schöne Tage oder ein ganzes Leben verbringen.

Dennoch: Als politisches Gebilde ist Berlin derart heruntergewirtschaftet, dass keine Reform die Bundeshauptstadt retten kann. Das Bundesland muss sterben, damit die Stadt aufblühen kann. Das wäre gut für die Menschen hier, in der ganzen Bundesrepublik und alle die uns in der Zukunft besuchen wollen

Berlin krankt an einer verworrenen politischen Struktur, die sich nur ein raffinierter Sadist so hätte ausdenken können. Das System ist ein gordischer Knoten.

Ein Dutzend Bezirksämter agiert teils im Einklang mit den entsprechenden Senatsverwaltungen, teils parallel, teils gegeneinander – aber nur höchst selten effektiv, effizient und im Interesse der Berlinerinnen und Berliner. Wenn in Friedrichshain-Kreuzberg ein Bezirksstadtrat sich wie die Karikatur eines preußischen Gutsherren aufführt und sich so konsequent wie kostspielig über Beschlüsse der Bezirksverordnetenversammlung hinwegsetzt, dann ist das nur das sichtbarste Beispiel für die vielen kleinen Verwaltungstyrannen, die Berlin piesacken. Es ist, wie ich selbst kürzlich erfahren musste, nicht einmal möglich im Standesamt eines Bezirks ein Dokument aus der entsprechenden Dienststelle des nächsten anzufordern. Das ist Spitze – in den Provinzialismus-Weltmeisterschaften.

Über diesem Gewirr von Interessen, Kompetenzen, Besitzständen und Filz thront der Senat, mit dem Regierenden Bürgermeister als Statthalter der Mittelmäßigkeit. Diese Führung verhindert konsequent, dass irgendjemand noch das Risiko eingehen will, günstige Mietwohnungen anzubieten. Sie leistet sich eine Repräsentantin beim Bundesrat, die sie regelmäßig mit einer einzigartigen Melange aus Inkompetenz und Geltungssucht blamiert. Ohne Konsequenzen.

Extremisten aller Richtungen und Kriminelle aller Hintergründe haben längst erkannt, dass die politische Führung ihnen nicht einmal Einhalt gebieten könnte wenn sie wollte. Sie will das noch nicht einmal. Der Senat arbeitet sich – wenn er denn beschlussfähig zusammentritt – lieber an Schreckgespenstern ab, statt sich mit den drängenden Herausforderungen zu beschäftigen. Das Fußvolk in Schulen, bei der Polizei, Feuerwehr und den Ämtern arbeitet dauerhaft an der Belastungsgrenze und verhindert täglich einen Kollaps, den Generationen von Politikern aller Parteien befördert haben. Währenddessen steht die Bevölkerung im Stau oder wird in öffentlichen Verkehrsmitteln von der Kriminalität heimgesucht, die der Senat gewähren lässt.

Gordische Knoten werden nicht entworren — sie werden zerschlagen.

Da hilft keine Reform mehr. Gordische Knoten werden nicht entworren – sie werden zerschlagen. Berlin als politisch eigenständige Gebietskörperschaft muss sterben. Zunächst muss das Bundesland ersatzlos abgeschafft und dem Land Brandenburg zugeschlagen werden. Bisher sind alle Versuche einer Länderfusion mit Brandenburg gescheitert, viele öffentliche Einrichtungen, Gerichte, Behörden etc. arbeiten trotzdem bereits länderübergreifend. Hier darf es auch gerne nahtlos weitergehen. Aber der aufgeblähte, parasitäre Regierungs- und Verwaltungsapparat auf Bezirks- und Senatsebene stünde dann dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Eine Stadtverwaltung, die mit Ihren Aufgaben statt mit ihrer Selbstherrlichkeit befasst ist, würde Berlin in allen Belangen nach vorne bringen.

Und wenn das Regierungsviertel sich zu sexy für die Zugehörigkeit zu einem Flächenland dünkt, dann kann es direkt einer dafür zu schaffenden Bundesverwaltung unterstellt werden: Ein Bundesbezirk Berlin-Mitte analog zum District of Columbia in den Vereinigten Staaten braucht nicht den ganzen Ballast, der jetzt die Bundeshauptstadt lähmt.

Wenn der Knoten zerschlagen ist, dann kann die entfesselte Kraft der Stadt zeigen, was sie für die Berliner, für die Bundesrepublik, ja für die Welt wirklich zu bieten hat.


Dieser Text ist am 16. Oktober 2019 als Gastkommentar in DIE WELT erschienen.

Falk Fallenstein (1941-2019) – Vater, Wissenschaftler, Vorbild

Falk Fallenstein

Mein Vater Falk Wilhelm Fallenstein starb, weil sein Körper nicht mit seinem Geist Schritt halten konnte. Er hinterlässt eine trauernde Familie, aber auch einen wertvollen Beitrag für eine bessere Welt. Mein Vater war ein verdienstvoller Wissenschaftler in der Geburtsheilkunde, ein wacher Geist und ganz einfach ein pflichtbewusster Mensch – ein Vorbild.

Mein Vater konnte schon auf ein langes erfülltes Leben mit Höhen und auch Tiefen zurückblicken, als er sich in den letzten Wochen vornahm, noch einmal etwas großes in Angriff zu nehmen. Er wollte seiner Frau Aleksandra, meiner Mutter, nach Jahrzehntelanger Trennung wieder näher sein. Er wollte Zeit mit seinen Enkelkindern verbringen und die unpassende Wohnung in Berlin-Neukölln hinter sich lassen. Mit inzwischen 78 Jahren, wenige Monate nach seinem Herzinfarkt, suchte mein Vater ein neues Zuhause in Charlottenburg. Er überwand die Sucht und begann seine Angelegenheiten zu ordnen, um noch einmal neu zu beginnen.

Mitten in diesen Anstrengungen versagte am 11. Juli 2019 sein Herz den Dienst. Es waren gewaltige Anstrengungen, die nicht selbstverständlich sind, nach einem Leben wie mein Vater es hatte.

Er wurde am 11. Juni 1941 in Greiz in Thüringen geboren und überlebte schon als Kleinkind im Zweiten Weltkrieg einen Bombenangriff, weil eine Tür auf seinen Kinderwagen fiel und ihn vor den Trümmern schützte. Er lebte das dadurch gewonnen Leben so, dass ich heute stolz sein darf, daran zu erinnern.

Kurz nach dem Krieg starb sein älterer Bruder Helmut. Falk war damit das älteste der vier Geschwister Robert, Matthias und Cornelia. Die Familie floh aus der DDR in die Bundesrepublik und siedelte sich im niedersächsischen Hameln an.

Dort wuchs er auf, besuchte die Schule, und bestand das Abitur mit sehr guten Noten in naturwissenschaftlichen Fächern. Er verliebte sich zum ersten Mal in ein Mädchen mit dem Namen Heidrun. 

Er diente mehrere Jahre bei der Bundeswehr, die er 1963 als Leutnant der Reserve verließ. Er studierte Physik in Marburg und arbeitete als Gymnasiallehrer an der Stiftsschule im hessischen Amöneburg. Er heiratete seine erste Frau Anne, die Ehe hielt aber nicht lange.

1979 lernte Falk in Marburg meine Mutter Aleksandra kennen. Als er eine Anstellung in der Schweiz fand, zogen die beiden nach Greifensee bei Zürich, wo sie 1980 heirateten. Dort wurden 1982 ich und 1985 meine Schwester Julia geboren. Mein Vater arbeitete im Frauenspital der Universitätsklinik Zürich als Physiker. Hier begann er seine Arbeit, die ein wahres Geschenk an die Menschheit werden sollte. 

Mein Vater forschte daran, Frühgeburten zu verhüten. Er entwickelte Sensoren und Verfahren, um die für Frühgeburten typischen Wehen zuverlässig zu erkennen und automatisch Medikamente dagegen zu verabreichen. Gemeinsam mit Professor Ludwig Spätling setzte er diese Arbeit an zwei weiteren Stationen fort.

1986 kamen wir nach Deutschland. Mein Vater setzte seine Arbeit am Marien-Krankenhaus in Herne fort. 1997 zog er nach Fulda um dort weiter zu forschen. Leider wurde das Forschungsprojekt schließlich eingestellt.

2006 kam er schließlich als Rentner nach Berlin, Nun lebte die ganze Familie wieder in der gleichen Stadt. Mein Vater entschied sich mit über 70 Jahren noch eine neue Sprache, eine Programmiersprache, zu lernen. Damit baute er online das Projekt unser-Hameln.deauf und er setzte der Stadt seiner Jugend ein Denkmal. Er engagierte sich als Moderator der gleichnamigen Facebook-Gruppe und leistete seinen Beitrag, einen Ort des konstruktiven Austauschs im Internet zu schaffen.

Er bekam in den letzten Jahren zwei Enkelkinder und verlor seine hochbetagte Mutter Johanna.

Mein Vater zeichnete sich immer dadurch aus, dass er seine Verantwortung ernst nahm. Wenn es unangenehm wurde, biss er sich durch. Die Verpflichtung gegenüber seinen Mitmenschen nahm er stets ernst und ertrug viele Kränkungen und Enttäuschungen. Er liebte seine zwei Enkelsöhne und freute sich auf sein drittes Enkelkind.

Am 11. Juni erlag mein Vater Falk seinem letzten Herzinfarkt. Um ihn trauern seine Frau, seine Kinder und seine Geschwister.

Ich bin zutiefst traurig über den plötzlichen Tod meines Vaters, weil er aus diesem bereits reichen und erfüllten Leben noch so viel machen wollte – ich finde Trost in der Gewissheit, dass er es nicht umsonst gelebt hat.

Feierabendsport Beamtenmikado

Dass Berliner Beamte wegen der anhaltenden Hitze kürzer arbeiten, stört Bernd Matthiess, der im Tagesspiegel kommentiert:

«Denn dort, aktuell in den Berliner Hauptverwaltungen von Wirtschaft, Gesundheit, Arbeit/Soziales, Kultur und Stadtentwicklung, gab oder gibt es hitzefrei ab 14 Uhr, und das ohne Nachholpflicht…»

Zuerst ärgerte ich mich mit Bernd Matthies. Es scheint ja himmelschreiend ungerecht, dass die Beamten sich auf die faule Haut legen dürfen.

Dann besann ich mich. Am beklagenswerten Zustand der Felder Wirtschaft, Gesundheit, Arbeit/Soziales, Kultur und Stadtentwicklung haben die fraglichen Behörden schließlich nichts verbessert, indem sie mehr arbeiten.

Vielleicht bewegt sich ja mal etwas zum Besseren bei Wirtschaft, Gesundheit, Arbeit/Soziales, Kultur und Stadtentwicklung, wenn die Berliner Verwaltungsbeamten weniger tun.

Meinetwegen sollen sie das Jahr freibekommen. Es kann nur besser werden.

Und wir haben ein Idol: Jean-Claude Juncker!

Und wenn es denn so wäre, dass der EU-Spitzenfunktionär zu jeder sich bietenden Gelegenheit voll wie eine Natter ist. Besser als all die stromlinienförmigen weltverbessernden Asketen ist so ein fröhlicher Schluckspecht allemal.

Wo jedes Aufblitzen von persönliche Schwäche und Individualität durch Compliance und Best Practices droht erstickt zu werden, sollten wir dankbar sein für Politiker wie Juncker die noch nicht zu ununterscheidbaren Maschinenmenschen nivelliert wurden.

Man kann sich nicht gleichzeitig über Jean-Claude Juncker und den zunehmenden Konformitätsdruck in der politischen Klasse echauffieren.

Oder besser: Man sich schon gleichzeitig über Jean-Claude Juncker und den zunehmenden Konformitätsdruck in der politischen Klasse echauffieren. Aber dann ist man – so wie der versammelt geifernde Mob – eben verlogen.

Vielleicht war es ja tatsächlich der Ischias. Es soll ja auch vorkommen, dass Politiker aus der Rolle fallen und die Wahrheit sagen.

Anderthalb Kilometer

Nachdem ich meine Freundin zum Hauptbahnhof gebracht habe fahre ich die John-Foster-Dulles-Allee nördlich am Berliner Tiergarten entlang. Nach einem vergleichsweise kühlen Tag durchflutet die Sonne Berlin mit diesem warmen goldenen Licht, das diese Stadt streckenweise doch manchmal lebenswert macht. Iron Maiden trällern eine fröhliche Weise. Das Leben könnte so schön sein.

Kurz nach der Kongresshalle zwei Radfahrer hintereinander. Standardsituation: Blinker links, Innenspiegel, linker Außenspiegel, Schulterblick links. Mit den sinnvollen eineinhalb Metern Abstand –Platz ist ja da – ziehe ich an ihnen vorbei.

Ich bin schon mit der Motorhaube auf der Höhe der vorderen Radfahrerin. Da schert der hintere Radfahrer plötzlich weit zum Überholen aus und kommt meiner Beifahrertür immer näher.

Dabei ist zu beachten, dass in Berlin viele Radfahrer das Recht um so mehr auf ihrer Seite wissen, je weniger sie das Verkehrsgeschehen um sie herum beachten. Konzepte wie Schulterblick oder das Verbleiben im vorgesehenen Verkehrsraum kommen für diese Zeitgenossen direkt aus den schwefligsten Abgründen des Orkus. Recht so! Sie sind ja was besseres.

Die Szene verlangsamt sich.

Ich ziehe so weit nach links wie möglich, ohne in den Gegenverkehr zu geraten – blicke auf weiße Kopfhörerkabel –Wahrnehmung des Verkehrsgeschehens ist etwas für Fußgänger und Nazi-Autofahrer – , ein Achselshirt, eine Sonnenbrille, ein argloses Gesicht.

Würden wir jetzt kollidieren, es würde nicht nur der achtlose Champion der zeitgemäßen urbanen Mobilität zu Konfitüre. Die junge Dame auf dem Fahrrad ganz rechts würde unweigerlich auch zum äußerst unsanften Fall kommen.

Wir, insbesondere die völlig unbeteiligte Radfahrerin, haben noch einmal Glück.

Als ich  den Lieblingsverkehrsteilnehmer der rot-rot-grünen Landesregierungskoalition vollständig passiert habe, liegen nur noch fünf Zentimeter Abstand zwischen ihm und meiner Karosserie.

Mein Adrenalinschub legt sich auf dem Großen Stern, wo von der organisierten Umweltverschmutzung des Gesinnungskonzerns Greenpeace nicht mehr viel zu sehen ist.

Auf der Straße des siebzehnten Juni westwärts parken dann eine halbes Dutzend BMW in zweiter Reihe auf der Fahrbahn. Ein Insasse wedelt mit einer kurdischen Flagge.

150 Meter dahinter blitzt die Polizei. Es muss ja alles seine Ordnung haben.

 

Zähneputzen mit iPhone-Apps ergibt tatsächlich Sinn

In letzter Zeit habe ich dunkle Ränder an meinen Zähnen entdeckt. Deshalb habe ich beschlossen, mit Hilfe der iPhone-Apps Streaks und Workflow dafür zu sorgen, dass ich in absehbarer Zeit wieder ein filmreifes Lächeln habe.

Dabei habe ich folgende Ziele.

  1. Ich will sicherstellen, dass ich täglich zweimal die Zähne putze. Und das jeweils für mindestens drei Minuten. Das klingt sicher banal, kann aber für leicht ablenkbare Menschen wie mich eine Herausforderung sein.
  2. Ich will alle Ecken gleichmäßig und gründlich putzen.
  3. Ich möchte im Anschluß sehen, wie gut ich meine Routine halte.
  4. Und natürlich möchte ich ein bisschen Spaß dabei haben.

Mit einer halben Stunde Tüftelei und 6-8 Minuten jeden Tag versichere ich mich so gegen mögliche schmerzhafte Zahnbehandlungen.

Die App Streaks hilft mir schon länger, gute Angewohnheiten zu entwickeln – zum Beispiel, dass ich mich mehr bewege, mich täglich wiege und ausreichend Wasser trinke. Streaks erinnert mich regelmäßig an meine guten Vorsätze und zeigt mir auch, wie gut (oder schlecht) ich in der Umsetzung bin.

Jeden Morgen und Abend erinnert Streaks mich daran, dass ich noch die Zähne putzen möchte. Je länger ich das mache, desto genauer werden die Erinnerungen. Streaks berücksichtigt den Zeitpunkt, zu dem ich das gute Werk abhake.

Wenn ich dann im Bad bin, stelle ich das iPhone auf den Spiegelschrank und starte Workflow.

Ich kann diese App gar nicht genug empfehlen. Mit ihr kann man wirklich alle möglichen Abläufe auf dem iPhone oder iPad automatisieren. Sie ist so gut, dass Apple sie im vergangenen Jahr gekauft hat und die Funktionalität als „Siri Shortcuts“ in das kommende Betriebssystem iOS 12 integrieren wird.

Workflow sucht zwölf zufällige Lieder mit einer Länge zwischen drei und vier Minuten aus meiner Mediathek, von denen ich eines auswählen kann. Meinetwegen darf es auch ein bisschen länger als drei Minuten sein. Das schadet ja nicht.

Dann teilt Workflow die Länge des gewählten Liedes durch die Anzahl der von mir gewählten „Putz-Bereiche“. Zur Zeit sind das zehn Stück. So habe ich für jeden dieser Bereiche die gleiche Zeit. Bei einem Lied von drei Minuten und 20 Sekunden (= 200 Sekunden) wäre das ein Intervall von 20 Sekunden für jeden Bereich.

Das Lied beginnt und ich beginne zu putzen. Wenn das Intervall vorbei und der nächste „Putz-Bereich“ dran ist, blendet Workflow mir eine Benachrichtigung ein. So stelle ich sicher, dass ich überall gründlich und gleichmäßig putze.

Wenn das Lied vorbei ist, meldet sich Workflow bei Streaks mit einem speziellen Link. Streaks hakt ab, dass ich meinem Ziel einen Schritt näher gekommen bin und übergibt zurück an Workflow.

Verrückt? Sicher. Überflüssig? Wahrscheinlich. Cool? Das finde zumindest ich selbst. Die Zähne jedenfalls sehen schon deutlich besser aus.

The future of iOS and macOS automation

Apple Power Users are in for a treat with the upcoming macOS Mojave and iOS 12 releases and there is hope for more down the road… (mehr …)

Zehn Dinge, die Charlottenburg sicher nicht fehlen

Auf Facebook lief mir die folgende Liste über den Weg. Schon der Titel «+++ 10 Dinge, die Charlottenburg fehlen, um der geilste Bezirk Berlins zu sein +++» verursacht körperliche Schmerzen. Ich kann sie nicht unkommentiert lassen.

(mehr …)

Mein guter Vorsatz 19 Wochen später

Zu Beginn dieses Jahres nahm ich mir vor, weniger Zeit in die sozialen Netzwerke zu stecken.

Damals schrieb ich, ich würde:

* mein Facebook-Profil deaktivieren [*]

* die sozialen Medien lediglich als Zweitmedium nutzen.

* hauptsächlich auf meiner eigenen Plattform veröffentlichen: daniel.fallenste.in

* hauptsächlich über E-Mail kommunizieren: daniel@fallenste.in

Mein guter Vorsatz

Nach neunzehn Wochen kann ich sagen, was davon gut funktioniert hat – und was nicht.

Ziehen wir also Bilanz…

… mein Facebook-Profil deaktivieren

Das hat leidlich gut geklappt. Das Facebook-Profil blieb aktiviert, weil es für Freunde und Familie der einfachste Weg zur Kontaktaufnahme war.

Dennoch habe ich mich von der Sucht befreit, ständig nachzusehen, was es neues auf Facebook gibt. Ich habe sowohl die Facebook-App als auch den Facebook-Messenger von meinem Smartphone geworfen. Das ist ein Schritt, den ich nicht bereut habe.

Statt über einer Stunde täglich zuvor, verbringe ich in diesem Jahr kaum fünf Minuten pro Tag auf Facebook, in denen ich Nachrichten beantworte, nach  interessanten Terminen schaue und Links zum späteren Lesen abspeichere. Und ich habe nicht das Gefühl, mir entginge etwas substantielles.

Die Smartphone-Apps von Facebook bleiben weg.

… die sozialen Medien lediglich als Zweitmedium nutzen.

Das ging in die Hose. Ich habe meinen Twitter- und meinen Instagram-Account deutlich intensiver genutzt. Twitter für kurze Meinungsäußerungen und Linkhinweise, Instagram für Fotos.

Daran möchte ich prinzipiell nichts ändern. Es funktioniert.

… hauptsächlich auf meiner eigenen Plattform veröffentlichen: daniel.fallenste.in

Auch das funktionierte nicht, wie man auch am vorhergehenden Punkt sieht.

…hauptsächlich über E-Mail kommunizieren

Hier bin ich sehr zufrieden. Meine Kommunikation (sofern ich sie selbst anstoße), wickele ich zum größten über E-Mail ab. Hier verlasse ich mich auf fastmail.com, einen unabhängigen Dienstleister, bei dem ich schon seit Jahren gerne zahlender Kunde bin. Auf meinen genutzten Geräten (Mac, iPhone, iPad…) ist die E-Mail-Anwendung Spark.

Fazit

Insgesamt hat meine Social-Media-Diät funktioniert. Nicht so umfassend wie erhofft, aber deutlich besser als befürchtet.

Mein Facebook-Profil werde ich doch nicht deaktivieren. Es wird einfach zu einer Zweitverwertungsstelle für meine Instagram-Fotos und Twitter-Links.

Libertärer Autismus

Photo by Maarten van den Heuvel on Unsplash

Vermutlich hat Nancy McLean sogar in einem Detail recht. Die Historikerin konstruierte kürzlich eine durchaus böse gemeinte Verbindung zwischen Libertären und Autisten. Viele Libertäre seien im autistischen Spektrum anzusiedeln, sagte MacLean bei einer Veranstaltung.

Die Autorin eines völlig verunglückten Buches über den Ökonomen James Buchanan sieht die Parallele darin, dass es sich um Menschen handele, die weder Solidarität noch Empathie für andere empfänden, und manchmal  irgendwie schwierige zwischenmenschliche Beziehungen hätten.

It's striking to me how many of the architects of this cause seem to be on the autism spectrum. People who don't feel solidarity or empathy with others, and who have kind of difficult human relationships sometimes.

Nancy McLean

Das ist erstens grob vereinfacht und zweitens bösartig gegenüber Autisten. Aber ein Sandkorn Wahrheit steckt auf jeden Fall in MacLeans Assoziation von Autismus und Libertarismus. Das liegt nicht nur daran, dass Libertäre sich häufig zu Aussagen herablassen, die nur unsolidarisch und anti-empathisch verstanden werden können.

Meiner unwissenschaftlich-anekdotischen Erfahrung nach scheint der Libertarismus tatsächlich für Autisten ansprechender zu sein, als für den „normalen“ Durchschnitt.

Das hat allerdings nichts mit der vermeintlichen Gefühlskälte von Autisten zu tun.


These

Man wird unter Libertären anteilig mehr Autisten finden, als in der Gesamtbevölkerung. Das hat wenig mit den Inhalten und viel mit der Struktur libertären Denkens zu tun.


Libertarismus ist in seiner Theorie ein logisch durchstrukturiertes Denkgebäude.

  • Jede Person ist rechtmäßige Eigentümer(in) ihrer selbst und der Früchte ihrer Arbeit.
  • Freiheit ist der Zustand, in dem das Eigentum an sich selbst unverletzt bleibt.
  • Das Selbst-Eigentum darf nicht von außen verletzt werden.
  • Äußere Eingriffe durch Steuern, Überwachung, Schulpflicht etc. verletzen dieses Recht.
  • Deshalb sind sie aus libertärer Sicht abzulehnen.
    etc. pp.

„Normale“ Menschen mit starker emotionaler Intuition werden durch die möglichen Folgen dieser theoretischen Prinzipien häufig abgestoßen. Konsequent durchdachter Libertarismus würde bedeuten, dass man niemanden zwingen kann, mit Verhungernden seine Nahrung zu teilen.

Im Grunde ist jedes libertäre Argument eine stringente Ableitung aus dieser (zugegebenermaßen sehr) groben Skizze. Aus A folgt B folgt C … etc. … folgt Q.


Kleiner Exkurs

Aus Hong Kong, das wirtschaftlich (nicht gesellschaftlich, erst recht nicht politisch) einer libertären Utopie am nächsten kommt, sind dennoch keine Hungertoten bekannt. Echte Hungersnot ist allerdings umso wahrscheinlicher je weniger effizient die Marktkräfte walten: Zum Beispiel in Venezuela. Es sollte nach kurzer Überlegung unzweifelhaft sein, dass es weitaus empathischer ist, den Venezuelanern Hong Konger Verhältnisse zu wünschen, als umgekehrt.


Autisten unterscheiden sich von der Mehrheit nicht nur durch ihre vermeintliche, nicht tatsächliche, Empathielosigkeit. Sie neigen auch häufig zu Ordnungsritualen, um die Welt um sich herum zu verarbeiten.

Libertäres Denken ist ein Ordnungsritual. Man beginnt jede Bewertung der Weltenläufte, jedes Werturteil, jedes Argument mit der Frage ob das Selbsteigentum verletzt wird und arbeitet sich dann Schritt für Schritt zur Konklusion durch.

So eine Denkschablone kann für Autisten durchaus attraktiver sein, als eine Weltsicht, die auf logisch schwer nachvollziehbaren intuitiv-emotionalen Impulsen gründet.

Welche Form die Denkschablone hat, ist dabei nachrangig gegenüber der Tatsache, dass die Denkschablone eine Denkschablone ist.

Das hat mit Inhalten nichts zu tun. Nancy MacLean da hat etwas verwechselt.