Feierabendsport Beamtenmikado

Dass Berliner Beamte wegen der anhaltenden Hitze kürzer arbeiten, stört Bernd Matthiess, der im Tagesspiegel kommentiert:

«Denn dort, aktuell in den Berliner Hauptverwaltungen von Wirtschaft, Gesundheit, Arbeit/Soziales, Kultur und Stadtentwicklung, gab oder gibt es hitzefrei ab 14 Uhr, und das ohne Nachholpflicht…»

Zuerst ärgerte ich mich mit Bernd Matthies. Es scheint ja himmelschreiend ungerecht, dass die Beamten sich auf die faule Haut legen dürfen.

Dann besann ich mich. Am beklagenswerten Zustand der Felder Wirtschaft, Gesundheit, Arbeit/Soziales, Kultur und Stadtentwicklung haben die fraglichen Behörden schließlich nichts verbessert, indem sie mehr arbeiten.

Vielleicht bewegt sich ja mal etwas zum Besseren bei Wirtschaft, Gesundheit, Arbeit/Soziales, Kultur und Stadtentwicklung, wenn die Berliner Verwaltungsbeamten weniger tun.

Meinetwegen sollen sie das Jahr freibekommen. Es kann nur besser werden.

Und wir haben ein Idol: Jean-Claude Juncker!

Und wenn es denn so wäre, dass der EU-Spitzenfunktionär zu jeder sich bietenden Gelegenheit voll wie eine Natter ist. Besser als all die stromlinienförmigen weltverbessernden Asketen ist so ein fröhlicher Schluckspecht allemal.

Wo jedes Aufblitzen von persönliche Schwäche und Individualität durch Compliance und Best Practices droht erstickt zu werden, sollten wir dankbar sein für Politiker wie Juncker die noch nicht zu ununterscheidbaren Maschinenmenschen nivelliert wurden.

Man kann sich nicht gleichzeitig über Jean-Claude Juncker und den zunehmenden Konformitätsdruck in der politischen Klasse echauffieren.

Oder besser: Man sich schon gleichzeitig über Jean-Claude Juncker und den zunehmenden Konformitätsdruck in der politischen Klasse echauffieren. Aber dann ist man – so wie der versammelt geifernde Mob – eben verlogen.

Vielleicht war es ja tatsächlich der Ischias. Es soll ja auch vorkommen, dass Politiker aus der Rolle fallen und die Wahrheit sagen.

Anderthalb Kilometer

Nachdem ich meine Freundin zum Hauptbahnhof gebracht habe fahre ich die John-Foster-Dulles-Allee nördlich am Berliner Tiergarten entlang. Nach einem vergleichsweise kühlen Tag durchflutet die Sonne Berlin mit diesem warmen goldenen Licht, das diese Stadt streckenweise doch manchmal lebenswert macht. Iron Maiden trällern eine fröhliche Weise. Das Leben könnte so schön sein.

Kurz nach der Kongresshalle zwei Radfahrer hintereinander. Standardsituation: Blinker links, Innenspiegel, linker Außenspiegel, Schulterblick links. Mit den sinnvollen eineinhalb Metern Abstand –Platz ist ja da – ziehe ich an ihnen vorbei.

Ich bin schon mit der Motorhaube auf der Höhe der vorderen Radfahrerin. Da schert der hintere Radfahrer plötzlich weit zum Überholen aus und kommt meiner Beifahrertür immer näher.

Dabei ist zu beachten, dass in Berlin viele Radfahrer das Recht um so mehr auf ihrer Seite wissen, je weniger sie das Verkehrsgeschehen um sie herum beachten. Konzepte wie Schulterblick oder das Verbleiben im vorgesehenen Verkehrsraum kommen für diese Zeitgenossen direkt aus den schwefligsten Abgründen des Orkus. Recht so! Sie sind ja was besseres.

Die Szene verlangsamt sich.

Ich ziehe so weit nach links wie möglich, ohne in den Gegenverkehr zu geraten – blicke auf weiße Kopfhörerkabel –Wahrnehmung des Verkehrsgeschehens ist etwas für Fußgänger und Nazi-Autofahrer – , ein Achselshirt, eine Sonnenbrille, ein argloses Gesicht.

Würden wir jetzt kollidieren, es würde nicht nur der achtlose Champion der zeitgemäßen urbanen Mobilität zu Konfitüre. Die junge Dame auf dem Fahrrad ganz rechts würde unweigerlich auch zum äußerst unsanften Fall kommen.

Wir, insbesondere die völlig unbeteiligte Radfahrerin, haben noch einmal Glück.

Als ich  den Lieblingsverkehrsteilnehmer der rot-rot-grünen Landesregierungskoalition vollständig passiert habe, liegen nur noch fünf Zentimeter Abstand zwischen ihm und meiner Karosserie.

Mein Adrenalinschub legt sich auf dem Großen Stern, wo von der organisierten Umweltverschmutzung des Gesinnungskonzerns Greenpeace nicht mehr viel zu sehen ist.

Auf der Straße des siebzehnten Juni westwärts parken dann eine halbes Dutzend BMW in zweiter Reihe auf der Fahrbahn. Ein Insasse wedelt mit einer kurdischen Flagge.

150 Meter dahinter blitzt die Polizei. Es muss ja alles seine Ordnung haben.

 

Zähneputzen mit iPhone-Apps ergibt tatsächlich Sinn

In letzter Zeit habe ich dunkle Ränder an meinen Zähnen entdeckt. Deshalb habe ich beschlossen, mit Hilfe der iPhone-Apps Streaks und Workflow dafür zu sorgen, dass ich in absehbarer Zeit wieder ein filmreifes Lächeln habe.

Dabei habe ich folgende Ziele.

  1. Ich will sicherstellen, dass ich täglich zweimal die Zähne putze. Und das jeweils für mindestens drei Minuten. Das klingt sicher banal, kann aber für leicht ablenkbare Menschen wie mich eine Herausforderung sein.
  2. Ich will alle Ecken gleichmäßig und gründlich putzen.
  3. Ich möchte im Anschluß sehen, wie gut ich meine Routine halte.
  4. Und natürlich möchte ich ein bisschen Spaß dabei haben.

Mit einer halben Stunde Tüftelei und 6-8 Minuten jeden Tag versichere ich mich so gegen mögliche schmerzhafte Zahnbehandlungen.

Die App Streaks hilft mir schon länger, gute Angewohnheiten zu entwickeln – zum Beispiel, dass ich mich mehr bewege, mich täglich wiege und ausreichend Wasser trinke. Streaks erinnert mich regelmäßig an meine guten Vorsätze und zeigt mir auch, wie gut (oder schlecht) ich in der Umsetzung bin.

Jeden Morgen und Abend erinnert Streaks mich daran, dass ich noch die Zähne putzen möchte. Je länger ich das mache, desto genauer werden die Erinnerungen. Streaks berücksichtigt den Zeitpunkt, zu dem ich das gute Werk abhake.

Wenn ich dann im Bad bin, stelle ich das iPhone auf den Spiegelschrank und starte Workflow.

Ich kann diese App gar nicht genug empfehlen. Mit ihr kann man wirklich alle möglichen Abläufe auf dem iPhone oder iPad automatisieren. Sie ist so gut, dass Apple sie im vergangenen Jahr gekauft hat und die Funktionalität als „Siri Shortcuts“ in das kommende Betriebssystem iOS 12 integrieren wird.

Workflow sucht zwölf zufällige Lieder mit einer Länge zwischen drei und vier Minuten aus meiner Mediathek, von denen ich eines auswählen kann. Meinetwegen darf es auch ein bisschen länger als drei Minuten sein. Das schadet ja nicht.

Dann teilt Workflow die Länge des gewählten Liedes durch die Anzahl der von mir gewählten „Putz-Bereiche“. Zur Zeit sind das zehn Stück. So habe ich für jeden dieser Bereiche die gleiche Zeit. Bei einem Lied von drei Minuten und 20 Sekunden (= 200 Sekunden) wäre das ein Intervall von 20 Sekunden für jeden Bereich.

Das Lied beginnt und ich beginne zu putzen. Wenn das Intervall vorbei und der nächste „Putz-Bereich“ dran ist, blendet Workflow mir eine Benachrichtigung ein. So stelle ich sicher, dass ich überall gründlich und gleichmäßig putze.

Wenn das Lied vorbei ist, meldet sich Workflow bei Streaks mit einem speziellen Link. Streaks hakt ab, dass ich meinem Ziel einen Schritt näher gekommen bin und übergibt zurück an Workflow.

Verrückt? Sicher. Überflüssig? Wahrscheinlich. Cool? Das finde zumindest ich selbst. Die Zähne jedenfalls sehen schon deutlich besser aus.

Mein guter Vorsatz 19 Wochen später

Zu Beginn dieses Jahres nahm ich mir vor, weniger Zeit in die sozialen Netzwerke zu stecken.

Damals schrieb ich, ich würde:

* mein Facebook-Profil deaktivieren [*]

* die sozialen Medien lediglich als Zweitmedium nutzen.

* hauptsächlich auf meiner eigenen Plattform veröffentlichen: daniel.fallenste.in

* hauptsächlich über E-Mail kommunizieren: daniel@fallenste.in

Mein guter Vorsatz

Nach neunzehn Wochen kann ich sagen, was davon gut funktioniert hat – und was nicht.

Ziehen wir also Bilanz…

… mein Facebook-Profil deaktivieren

Das hat leidlich gut geklappt. Das Facebook-Profil blieb aktiviert, weil es für Freunde und Familie der einfachste Weg zur Kontaktaufnahme war.

Dennoch habe ich mich von der Sucht befreit, ständig nachzusehen, was es neues auf Facebook gibt. Ich habe sowohl die Facebook-App als auch den Facebook-Messenger von meinem Smartphone geworfen. Das ist ein Schritt, den ich nicht bereut habe.

Statt über einer Stunde täglich zuvor, verbringe ich in diesem Jahr kaum fünf Minuten pro Tag auf Facebook, in denen ich Nachrichten beantworte, nach  interessanten Terminen schaue und Links zum späteren Lesen abspeichere. Und ich habe nicht das Gefühl, mir entginge etwas substantielles.

Die Smartphone-Apps von Facebook bleiben weg.

… die sozialen Medien lediglich als Zweitmedium nutzen.

Das ging in die Hose. Ich habe meinen Twitter- und meinen Instagram-Account deutlich intensiver genutzt. Twitter für kurze Meinungsäußerungen und Linkhinweise, Instagram für Fotos.

Daran möchte ich prinzipiell nichts ändern. Es funktioniert.

… hauptsächlich auf meiner eigenen Plattform veröffentlichen: daniel.fallenste.in

Auch das funktionierte nicht, wie man auch am vorhergehenden Punkt sieht.

…hauptsächlich über E-Mail kommunizieren

Hier bin ich sehr zufrieden. Meine Kommunikation (sofern ich sie selbst anstoße), wickele ich zum größten über E-Mail ab. Hier verlasse ich mich auf fastmail.com, einen unabhängigen Dienstleister, bei dem ich schon seit Jahren gerne zahlender Kunde bin. Auf meinen genutzten Geräten (Mac, iPhone, iPad…) ist die E-Mail-Anwendung Spark.

Fazit

Insgesamt hat meine Social-Media-Diät funktioniert. Nicht so umfassend wie erhofft, aber deutlich besser als befürchtet.

Mein Facebook-Profil werde ich doch nicht deaktivieren. Es wird einfach zu einer Zweitverwertungsstelle für meine Instagram-Fotos und Twitter-Links.

Libertärer Autismus

Vermutlich hat Nancy McLean sogar in einem Detail recht. Die Historikerin konstruierte kürzlich eine durchaus böse gemeinte Verbindung zwischen Libertären und Autisten. Viele Libertäre seien im autistischen Spektrum anzusiedeln, sagte MacLean bei einer Veranstaltung.

Die Autorin eines völlig verunglückten Buches über den Ökonomen James Buchanan sieht die Parallele darin, dass es sich um Menschen handele, die weder Solidarität noch Empathie für andere empfänden, und manchmal  irgendwie schwierige zwischenmenschliche Beziehungen hätten.

It's striking to me how many of the architects of this cause seem to be on the autism spectrum. People who don't feel solidarity or empathy with others, and who have kind of difficult human relationships sometimes.

Nancy McLean

Das ist erstens grob vereinfacht und zweitens bösartig gegenüber Autisten. Aber ein Sandkorn Wahrheit steckt auf jeden Fall in MacLeans Assoziation von Autismus und Libertarismus. Das liegt nicht nur daran, dass Libertäre sich häufig zu Aussagen herablassen, die nur unsolidarisch und anti-empathisch verstanden werden können.

Meiner unwissenschaftlich-anekdotischen Erfahrung nach scheint der Libertarismus tatsächlich für Autisten ansprechender zu sein, als für den „normalen“ Durchschnitt.

Das hat allerdings nichts mit der vermeintlichen Gefühlskälte von Autisten zu tun.


These

Man wird unter Libertären anteilig mehr Autisten finden, als in der Gesamtbevölkerung. Das hat wenig mit den Inhalten und viel mit der Struktur libertären Denkens zu tun.


Libertarismus ist in seiner Theorie ein logisch durchstrukturiertes Denkgebäude.

  • Jede Person ist rechtmäßige Eigentümer(in) ihrer selbst und der Früchte ihrer Arbeit.
  • Freiheit ist der Zustand, in dem das Eigentum an sich selbst unverletzt bleibt.
  • Das Selbst-Eigentum darf nicht von außen verletzt werden.
  • Äußere Eingriffe durch Steuern, Überwachung, Schulpflicht etc. verletzen dieses Recht.
  • Deshalb sind sie aus libertärer Sicht abzulehnen.
    etc. pp.

„Normale“ Menschen mit starker emotionaler Intuition werden durch die möglichen Folgen dieser theoretischen Prinzipien häufig abgestoßen. Konsequent durchdachter Libertarismus würde bedeuten, dass man niemanden zwingen kann, mit Verhungernden seine Nahrung zu teilen.

Im Grunde ist jedes libertäre Argument eine stringente Ableitung aus dieser (zugegebenermaßen sehr) groben Skizze. Aus A folgt B folgt C … etc. … folgt Q.


Kleiner Exkurs

Aus Hong Kong, das wirtschaftlich (nicht gesellschaftlich, erst recht nicht politisch) einer libertären Utopie am nächsten kommt, sind dennoch keine Hungertoten bekannt. Echte Hungersnot ist allerdings umso wahrscheinlicher je weniger effizient die Marktkräfte walten: Zum Beispiel in Venezuela. Es sollte nach kurzer Überlegung unzweifelhaft sein, dass es weitaus empathischer ist, den Venezuelanern Hong Konger Verhältnisse zu wünschen, als umgekehrt.


Autisten unterscheiden sich von der Mehrheit nicht nur durch ihre vermeintliche, nicht tatsächliche, Empathielosigkeit. Sie neigen auch häufig zu Ordnungsritualen, um die Welt um sich herum zu verarbeiten.

Libertäres Denken ist ein Ordnungsritual. Man beginnt jede Bewertung der Weltenläufte, jedes Werturteil, jedes Argument mit der Frage ob das Selbsteigentum verletzt wird und arbeitet sich dann Schritt für Schritt zur Konklusion durch.

So eine Denkschablone kann für Autisten durchaus attraktiver sein, als eine Weltsicht, die auf logisch schwer nachvollziehbaren intuitiv-emotionalen Impulsen gründet.

Welche Form die Denkschablone hat, ist dabei nachrangig gegenüber der Tatsache, dass die Denkschablone eine Denkschablone ist.

Das hat mit Inhalten nichts zu tun. Nancy MacLean da hat etwas verwechselt.

5 reasons Elon Musk is the Donald Trump of e-mobility

Everyone in the media fawns over Elon Musk, the patron saint of innovation. Everyone? No. I refuse to sing the praises of this overrated CEO. Elon Musk will not save us from any transportation and energy crisis.

Musk is a capable technology entrepreneur as his former success with Paypal proves. But a thought leader worth following? No.

In fact, his grandstanding while reality proves him wrong, places him in one league with US president Donald J. Trump.

Here are the reasons.

1. He over-promises and under-delivers

The most recent and obvious scratch in Musk’s shiny paint job is the huge discrepancy between his promises and his actual results. When Tesla delivered 95% cars less than the 25.000 projected Model 3 cars last quarter, people started to notice the gaping rift. Musk had over-promised and under-delivered in the past but this blunder made it clear for everyone.

2. His ventures thrive on subsidies

That’s not all. Musk moonlights as a rent-seeking crony capitalist. Among his different companies he got supported with 5 billion tax payer dollars up to 2015 in the US. Ventures like Hyperloop and SpaceX seek contracts from the notoriously corrupt public sector. Additionally, buying electric cars is heavily subsidized in most countries. This is all in Elon Musk’s best self-interest. But it is neither beneficial for tax payers, nor is it proper entrepreneurship in a free market.

3. He pushes an inadequate technology

Lithium-Ion batteries are a great technology. In phones, laptops and smartwatches. They also work very well on electric bikes and scooters. But not in cars. Cars are heavy, go fast and go far. Make no mistake: electric drivetrains have many advantages over gasoline motors. But Lithium batteries cannot hold enough electricity to move a car reliably over long ranges at an acceptable price. Still, Musk pretends that this is the technology to bury fossil fuels.

4. His views on AI are crackpot at best

There is no shame in misunderstanding a key technology. But using a position of high public visibility to spout doom and gloom? That is shameful. Elon Musk thinks that we “need to be super careful with AI. Potentially more dangerous than nukes.”

Well, he is wrong.

5. He underestimated engineering

Engineering software products (like Paypal) is relatively easy. If code doesn’t work properly you can tinker with it until it does. Developing prototypes for new technologies and building them in small numbers (like spacecraft) is similar. But building the very machines that build cars at high volumes is a completely different game. This is mechanical engineering where things like supply logistics, wear and tear on tooling, timing, physical distances and much more come into play. And this is where the old carmakers outperform Tesla dramatically.

Trumped up

There you have it. A leader that constantly brags about things he is going to achieve, while his actual accomplishments are quite underwhelming, a corporatist that talks publicly about topics he doesn’t quite understand and who proposes solutions that don’t work well in the real world. Sounds familiar?

Die Moritat vom pinken Katzenballon

Seit zwei Jahren hängt ein pinker Katzenballon im Baum vor unserem Balkon. Irgendwann im Herbst 2015 entglitt einem kleinen Mädchen die Plastikschnur und der Ballon machte sich auf den Weg in den blauen Charlottenburger Himmel.

Während seiner kurzen anarchischen Reise erhaschte er vielleicht einen Blick auf das Charlottenburger Rathaus, dessen Turm einst von einem selbstbewussten Bürgertum so hoch gebaut wurde, dass er das nahegelegene königliche Schloß mehr als deutlich überragt.

An dieser Straßenecke standen einst prachtvolle Häuser mit Kolonialwarenläden. Es gab auch in den 1920ern ein SPD-Lokal direkt um die Ecke, das später von den Nationalsozialisten zum Folterkeller umfunktioniert wurde. Aber das wusste der pinke Katzenballon wohl nicht.

Pinke Katzenballons sind nicht gerade als versierte Heimatkundler bekannt. Ihnen ist vielmehr ein ausgeprägter Freiheitsdrang zueigen. So schwebte der Ballon — zwischen Stromkästen und mehr parkenden Autos als eigentlich in die Straße passen — gen Himmel.

Er passierte ein paar Lindenblätter, Zweige, und schließlich verhedderte er sich in den Ästen einer stattlichen Linde.

Linden werden gerne an Straßen gepflanzt, weil sie gegenüber den Belastungen des Verkehrs recht robust sind. Ihr Nachteil ist, dass sie die Autos im Sommer mit einer klebrigen Schicht von Pollen überziehen, auf der Laub und Dreck ausgezeichnet haften. Aber das interessierte den pinken Katzenballon wohl nicht. Was kümmert ihn der Straßenverkehr, wenn er davonschweben kann. Aber eine Linde war – wie bei Siegfried – sein Schicksal.

Zuerst zog er tapfer an der Linde weiter, mit all der Kraft, die das Helium ihm gab. Er hatte über sich immer noch den weiten Himmel zu erobern. Von unserem Balkon war er nur wenige Armlängen entfernt. Bei jeder unserer kleinen Grillpartys, wenn ich zeigte, wo Rathaus, Schloß und Spree liegen, konnte er uns zusehen. Er tat mir ein wenig leid, obwohl er nur ein mit Helium gefülltes Stück Plastik war, durch eine Plastikschnur an eine Linde gekettet.

Aber er war viel zu weit weg, um ihn zu befreien. So zog er weiter am Baum. Der blieb weiter stehen. Zwei Jahre lang. Bei jedem Wetter. Inzwischen ist der pinke Katzenballon ein gelber, durch Sonne und Wetter verblichener, hängender Fetzen. Aber er trotzt weiter.

Der pinke Katzenballon wird nur zu seinen eigenen Bedingungen gehen. Nicht einmal Sturm Xavier vor wenigen Tagen konnte ihn vom Baum holen. Da hängt er nun: Gelb, schlaff und ein bisschen zerrissen.

Wenn ich ihn dort so hängen sehe, frage ich mich ob er eine Metapher ist für Katzen, die auf Bäume klettern, von denen sie nicht mehr runterkommen. Da stehe ich dann wie hypnotisiert. Meistens löst sich diese Starre erst, wenn mein Hund mich anstupst. Der bleibt zum Glück auf dem Boden.