Zehn Dinge, die Charlottenburg sicher nicht fehlen

Charlottenburg ist Charlottenburg und kein «geiler Bezirk». Gott sei dank.

Auf Facebook lief mir die folgende Liste über den Weg. Schon der Titel «+++ 10 Dinge, die Charlottenburg fehlen, um der geilste Bezirk Berlins zu sein +++» verursacht körperliche Schmerzen. Ich kann sie nicht unkommentiert lassen.

Vorweg: Der «geilste Bezirk Berlins» zu sein ist so erstrebenswert wie der Vorsitz im Club der rückfälligen Päderasten. Charlottenburg reizt gerade wegen seiner in der Vorwendezeit verhafteten, distinguierten Ungeilheit.

1. In Charlottenburg gibt es keinen Technoclub

Und das ist auch gut so. Wer als Charlottenburger Techno hören muss, hat mannigfaltige Möglichkeiten in geilen Bezirken. Dorthin gelangt man in angemessener Zeit mit Bus, Bahn und Taxi.

2. Es gibt keine vernünftige Späti-Kultur

Genau. Es gibt keine vernünftige Späti-Kultur. Nirgendwo. Das was schon überall sonst ein doppeltes Oxymoron ist, kann in Charlottenburg erst recht nicht funktionieren. Diese Kultur geschimpfte Kiosk-Barbarei ist a priori ein Anschlag auf die Vernunft.

3. Charlottenburg hat wenig unaufgeregter und nicht kostenintensiver Küche

Dieser Satz ist inhaltlich so falsch wie seine Grammatik. Wer sich 5 Meter von der Schlüterstraße herunterwagt und noch dazu seine Augen aufzusperren in der Lage ist, findet immer etwas solides zu essen.

4. Wir haben kein cooles Bier. Engelhardt hat weder den reudigen noch den dekadenten Touch

Wir brauchen kein cooles Bier. Engelhardt ist das unaufgeregte Charlottenburger Pilsner, das dank einer ordentlichen Blume keinen Touch braucht. Pluspunkt: Am Späti ist Engelhardt nicht erhältlich.

5. Zehlendorfer Hipster sind nicht die richtigen Hipster. Wenn schon, denn schon

???

6. Erweiterung von Charlottenburg auf Schöneberg. Grund: KaDeWe, Gewalt nicht ausgeschlossen, Wladimir hilft

Warum? Kaufhäuser sind doch viel zu demokratisch.

7. Wir haben viele Russen, aber keinen Mix-Markt, wie Marzahn.

Brauchen wir nicht. Wer den Bahnhof Charlottenburg kennt, weiß warum.

8. Friedrichstraße hat teilweise noch dekadentere Läden als der Kudamm. Lafayette nach West-Berlin holen!

Bemüht inszenierte Dekadenz mag ja geil sein, besonders charlottenburgisch ist sie nicht.

9. Charlottenburg nutzt seine Ufer nicht. Die Beach Clubs sind überteuert und schlecht und Strandbars existieren nicht. Da ist selbst Lichtenberg schon weiter.

Die Ufer werden ganz hervorragend genutzt. Man kann an Spree und Landwehrkanal den ganzen Bezirk gesittet spazierend durchqueren, ohne über das Müllvolk zu stolpern, das Strandbars frequentiert. Die wenigen Beach Clubs wie das Cap Rivi halten durch ihre Preisstruktur das Publikum in einer angenehmen Balance. Wer’s anderweitig braucht, sei freundlich nach Lichtenberg verwiesen. Gute Reise.

10. Charlottenburg fehlt natürlich noch die Tram. Es gab sie, sie muss wieder zurück.

Ein angenehmer Unterschied von Charlottenburg zu (beispielsweise) Friedrichshain ist die Abwesenheit der Straßenbahnen voller abgewrackter Gestalten aus den Technoclubs. Möge das noch lange so bleiben.

Kurz und gut. Charlottenburg ist ungeil. Und das macht Charlottenburg so lebenswert.


Update 1: Korrektur am Titel. Zehn statt 10.