«Geschlossene Grenzen treffen besonders die Ärmsten der Welt»

20140319-000535.jpg
Standard

Ein Interview mit den Beteiligten des Projekts Offene Grenzen

Euer Projekt lehnt Grenzen zwischen Staaten ab. Was verbindet ihr jeweils persönlich mit Grenzen, das Euch motiviert, diese Initiative zu unterstützen?

Achim Fischbach: Ich halte die Öffnung der Grenzen für die größte Chance, die weltweite Armut zu bekämpfen und die Welt dadurch zu einem angenehmeren und friedlicheren Ort zu machen.

Jorge Arnez-Prinzhorn: Für mich sind Grenzen nur Linien im Staub. Es macht keinen Sinn, Menschen vorzuschreiben, wo sie leben dürfen und wo nicht.

Clemens Schneider: Wenn man genau darüber nachdenkt, sind Grenzen nichts anderes als Mittel, um andere davon auszuschließen, dieselben Chancen zu haben wie man selbst. So etwas ist unfair und unmenschlich.

Kalle Kappner: Undurchlässige Grenzen gehören heute zu den größten Hindernissen für viele Menschen, die ihren materiellen Lebensstandard, aber auch ihre persönlichen Freiheitsräume verbessern möchten. Und im Gegensatz zu den hausgemachten Problemen in der Dritten Welt haben wir im Westen es selbst in der Hand, Abhilfe zu schaffen.

Jorge Arnez-Prinzhorn: Das Thema hat für mich auch eine persönliche Note. Mein Großvater ist von Deutschland nach Bolivien ausgewandert, meine Familie ist dann später zurückgewandert. Was wir gemacht haben, sollte jeder tun dürfen, ganz egal welcher Nationalität er angehört. Diese Überzeugung motiviert mich sehr, offene Grenzen zu unterstützen.

Achim Fischbach: Geschlossene Grenzen treffen besonders die Ärmsten der Welt. Alleine aus humanitärer Sicht muss man diesen Menschen die Möglichkeit geben, ihr Leben enorm zu verbessern, indem sie in ein anderes Land ziehen und dort ihr Glück finden können.

Das Konzept der Territorialgrenzen ist in den Köpfen quasi zementiert

Zur Zeit sind Grenzen eine Realität. Welche nehmt ihr konkret ins Visier?

Jorge Arnez-Prinzhorn: Es liegt nahe, mit den Grenzen in Europa zu beginnen. Also nehmen wir die europäische Grenzpolitik besonders in Visier.

Hanna Dietrich: Aufgrund der politischen Realitäten die EU-Grenzen. Das deutsche Grenzregime ist mittlerweile nur noch in diesem Kontext zu verstehen.

Clemens Schneider: Die Grenzen der EU natürlich, weil wir als Bürger dieses Staatenbundes dafür mitverantwortlich sind. Noch viel wichtiger erscheinen mir aber die Grenzen in den Köpfen: die sind unser eigentliches Arbeitsfeld!

Micha Anders: Im letzten Punkt stimme ich Clemens ganz besonders zu. Menschen neigen dazu, gegebene Umstände und Verhältnisse als unveränderbar und absolut wahrzunehmen. Dass in Europa und gar weltweit schon mehrfach faktisch völlige Freizügigkeit herrschte, ist heute kaum jemand bekannt, ja völlig unvorstellbar. Das Konzept der Territorialgrenzen und besonders die Grenzziehung am Mittelmeer zwischen Europa und Afrika ist in den Köpfen quasi zementiert. Diese Mauern des Denkens sollten wir zumindest versuchen zu abzutragen.

Was werdet Ihr konkret machen?

Jorge Arnez-Prinzhorn: Das, was Liberale tun müssen: Überzeugungsarbeit leisten. Eine Plattform wie Offene Grenzen soll Argumente sammeln, die sich dann andere Menschen ansehen können.

Kalle Kappner: Dass geschlossene Grenzen global ein großes Problem sind, ist vielen jungen Menschen in Europa nicht bewusst – die persönliche Erfahrung blieb ihnen glücklicherweise erspart. Es ist wichtig, das Bewusstsein für die Probleme und Ungerechtigkeiten zu schärfen.

Achim Fischbach: Wie versuchen zudem mit anderen, ähnlich aufgestellten Organisationen zusammenzuarbeiten.

Clemens Schneider: Zunächst werden wir versuchen, mit unsere Website und über Soziale Medien möglichst viele Menschen zu erreichen – ganz unabhängig von ihren politischen Überzeugungen. Langfristig hoffen wir natürlich auch, mit anderen Organisationen, die unsere Ziele teilen, zusammenarbeiten zu können. Dazu können Menschenrechtsgruppen genauso gehören wie Abgeordnete, Arbeitgeber-Organisationen genauso wie kirchliche Hilfsdienste, Journalisten, Professoren, Menschen mit dem Herz am rechten Fleck…

In Deutschland eine ernstzunehmende Bewegung für offene Grenzen anzustoßen, wäre schon viel

Welche Ziele setzt Ihr Euch? An welch Ergebnisse knüpft Ihr Die Beurteilung eures Projekts?

Jorge Arnez-Prinzhorn: Das Ziel ist ja, weltweit offene Grenzen zu haben, aber da das noch sehr utopisch ist, wäre es schon als Erfolg zu verbuchen, wenn die Schranken für Einwanderung nach Europa signifikant gelockert werden.

Clemens Schneider: Ideen können sehr wirkmächtig sein. Manch eine fundamentale Veränderung in der Geschichte der Menschheit hat zunächst klein angefangen — in den Köpfen und Herzen weniger Menschen. Irgendwann kam dann aber der Punkt, an dem sie nicht mehr aufzuhalten waren durch die ängstlichen Besitzstandwahrer. Das gilt für die Abschaffung der Sklaverei ebenso wie für Frauenrechte oder die Gleichstellung von Homosexuellen. Langfristig setzt sich die Freiheit immer durch. Auch wenn der Kampf im Konkreten bisweilen mühsam, gar aussichtslos scheint. Das Ergebnis, das wir uns erhoffen, ist ein langsames, aber unaufhaltsames Umdenken.

Micha Anders: Konkrete Ziele sind bei so einem Projekt immer schwer zu benennen. Der Zuspruch bei der ESFLC war ja zu erwarten, aber trotzdem schön. Dass über die ESFLC binnen weniger Tage sich mehrere hundert vor allem junge Menschen, übrigens auch inzwischen abseits der ESFL oder liberalen Community im Netz, für die Wortkombination „offene Grenzen“ interessieren, motiviert, aus der Sympathie bei dem einen oder der anderen eine durch Argumente gestützte Überzeugung zu machen. Ideen sind wirkmächtig. Sind sie erst einmal in der Welt, können sie nicht wieder eingefangen, spricht eingegrenzt werden. Die Idee zu verbreiten ist wohl unser größtes Ziel. Wenn wir dafür mit der deutschsprachigen Seite nach open-borders.info Menschen in anderen Sprachräumen motivieren, ebensolche Projekte zu etablieren und die Idee weiter zu verbreiten, haben wir schon viel erreicht.

Hanna Dietrich: In Deutschland eine ernstzunehmende Bewegung für offene Grenzen anzustoßen, die auch medial und politisch wahrgenommen wird, wäre schon viel.


Die Gesprächspartner

Die Initiatoren des Projekts Offene Grenzen sind überzeugt, dass das Öffnen von Grenzen für alle von Vorteil ist. Mit ihrer Initiative wollen sie dazu beitragen, dass die Einsatzbereitschaft und die Kreativität von Menschen nicht länger wegen ihrer Herkunft oder ihres Passes eingeschränkt werden.

Clemens Schneider arbeitet zur Zeit an einer Dissertation in Katholischer Theologie über den liberalen englischen Historiker Lord Acton. Er ist Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und Mitinitiator der Woche der Freiheit. Außerdem schreibt er für mehrere Blogs.

Kalle Kappner wuchs in Solingen auf und absolvierte zunächst ein Studium der Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln. Seit 2012 studiert er Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin. In seinen Studien beschäftigt er sich intensiv mit den ökonomischen Aspekten der Migration. Bis 2013 unterstützte er die Arbeit des liberalen Abgeordneten Frank Schäffler im Deutschen Bundestag. Er ist Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Achim Fischbach wurde in Trier geboren und lebt seit 2009 in München. Nach einer Tätigkeit als Offizier der Bundeswehr und einem damit verbundenen Studium der Informatik arbeitet er seit 2013 als IT-Administrator in Garching bei München. Im Zuge seines großen Interesses an Ökonomie und politischer Theorie leitet er die Münchner Libertarier, eine Gruppe im Netzwerk der European Students for Liberty.

Michael Anders hat in Magdeburg Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Er ist Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und arbeitet an seinem Dissertationsprojekt zur mittelalterlichen Geschichte der Juden im Erzbistum Magdeburg und dem Bistum Halberstadt. Auf parthenopolis.de bloggt er zur Geschichte Magdeburgs und Umgebung. Außerdem beschäftigt er sich mit der Ideengeschichte des Liberalismus.

Hanna Dietrich studierte in Göttingen und Tel Aviv Neuere Geschichte und Ethnologie. Nach einem Auslandsjahr in Südafrika zog sie nach Berlin. Hanna ist im sozialen Bereich tätig und engagiert sich in ihrer Freizeit in der Flüchtlingsberatung.

Jorge Arnez-Prinzhorn wurde 1993 in Santa Cruz, Bolivien, geboren. Er lebt seit 2000 in Deutschland ist Schüler und bloggt seit 2011.

One thought on “«Geschlossene Grenzen treffen besonders die Ärmsten der Welt»

Comments are closed.