Entebbe 1976

Ein Alptraum! Für die israelischen Sicherheitsbehörden ist die schlimmstmögliche Situation eingetreten. Israelis sitzen als Geiseln einer palästinensischen Terrororganisation im Ausland fest. Auf dem Flughafen von Entebbe steht der Airbus der Air France. Doch an eine Mithilfe der ugandischen Behörden ist nicht zu denken. Der Diktator Idi Amin hat sich nach einer früheren Kooperation mit Israel längst mit den Palästinensern gemein gemacht und so kann Israel auf keine Hilfe Ugandas hoffen.

Zur taktischen Aussichtslosigkeit gesellt sich eine historische Monströsität. 31 Jahre nach dem Ende des Dritten Reichs: Es sind die deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann vom Kommando Ché Guevara, die die 85 jüdischen Passagiere des Air-France-Fluges aussondern, um ihre Terror-Genossen freizupressen. Die Crew weigert sich, ihre Passagiere zurückzulassen, und bleibt freiwillig. Die Terroristen drohen: Würden inhaftierte deutsche Linksextremisten und palästinensische Terroristen nicht gegen die israelischen und jüdischen Passagiere ausgetauscht, drohen die  Entführer, würden sie beginnen, ihre Geiseln systematisch zu ermorden. Eine Woche wird der Nervenkrieg dauern.

Entschlossenheit und Glück

Als ein Holocaust-Überlebender ihm seine tätowierte KZ-Nummer zeigt, erklärt Böse sich zum Idealisten. Er sei kein Nazi. Wie gut der Idealismus der linksextremen Terrorgruppen in Deutschland zu ihren Nazi-Vätern passt, zeigte sich schon vier Jahre zuvor in München, als der „Schwarze September“ israelische Olympioniken als Geiseln nahm und ermordete. Die radikale Linke beklatschte das antisemitische Massaker, in dessen Vorbereitung Neonazis eingebunden waren, wie heute bekannt ist.

Im Flughafengebäude von Entebbe inszeniert Idi Amin einen seiner bizarren Auftritte, während die 106 Geiseln jeden Augenblick damit rechnen müssen, dass die Terroristen ihre ganz eigene „idealistische“ Fortsetzung von Auschwitz ins Werk setzen würden. „Da saßen 100 Menschen auf engstem Raum, umzingelt von Terroristen mit dem Finger am Abzug“, erinnert sich der zuständige Kommandeur Dan Shomron später. Er plant fieberhaft für die gewagte „Operation Donnerkeil“.

Zur unbedingten Entschlossenheit kommt Glück.  Der Flughafen von Entebbe ist von israelischen Firmen gebaut worden, die Pläne für das Training der Befreiungsoperation zur Verfügung stellen können. Agenten des Mossad befragen die freigelassenen Geiseln, um ein umfassendes Lagebild zu erhalten. Mit Hilfe dieser Informationen wird eine Übungskulisse errichtet und der Handstreich trainiert. Am 1. Juli 1976 kann Dan Shomron dem Generalstab seinen Plan präsentieren. Am nächsten Tag inspiziert die Armeeführung die Generalprobe der Operation. Die Zeit drängt. Die Entführer drohen, die Geiseln in den nächsten Tagen zu ermorden.

Shomron geht an die Grenzen des Machbaren. C-130 Hercules-Transportflugzeuge sollen von Israel aus direkt nach Entebbe fliegen. Dort sollen Kommandos der „Sayeret Matkal“ den Flughafen stürmen, die Terroristen ausschalten und die Geiseln in Sicherheit bringen. Die kürzest-mögliche Strecke von Israel nach Entebbe beträgt 3300 Kilometer. Den eigentlichen Stoßtrupp bei der Operation Donnerkeil wird der Oberstleutnant Yonatan „Yoni“ Netanyahu, ein Bruder des späteren Premierministers Benjamin,  führen.

Die Terroristen töten, bevor sie schießen können

„Sieben Stunden fliegen, sicher landen, zum Terminal fahren, wo die Geiseln festgehalten werden, reinkommen und die Terroristen töten, bevor sie schießen können“, fasst Shomron den Plan zusammen, an dem so viel schiefgehen kann. Die Vorbereitungen laufen mit Hochdruck weiter. Am Nachmittag des 3. Juli heben die Hercules der israelischen Luftwaffe vom südlichsten verfügbaren Flugplatz Richtung Uganda ab.Erst dann wird das Kabinett informiert und die Autorisierung für Operation Donnerkeil beantragt. Die Regierung ordnet an, die Rettungsmission weiter durchzuführen. Die Flugzeuge halten Kurs.

Um den Flughafen Entebbe überhaupt erreichen zu können, müssen Vorschriften für den sicheren Betrieb außer Kraft gesetzt werden. Damit sie beim Flug durch den Luftraum mehrerer afrikanischer Staaten unentdeckt bleiben, fliegen die Flugzeuge tief, bei ausgeschalteter Beleuchtung und unter absoluter Funkstille. Eine Boeing 707 kreist in der Nähe und dient als Gefechtsstand für die Operationsführung. Eine weitere 707 mit modernster medizinischer Technik landet in Nairobi, Kenia, um eventuelle Verletzte schnell behandeln zu können. Die Hercules fliegen entlang einer Gewitterfront über dem Victoriasee auf den Flughafen Entebbe zu. Dort ist die letzte Nacht vor dem geplanten Beginn der Ermordung der Geiseln angebrochen.

Als der Flughafen in Sicht kommt, bietet sich den Piloten eine Überraschung. Die Landebahnbeleuchtung wurde nicht wie erwartet abgeschaltet. Trotzdem setzt das erste Flugzeug um 23:01 Uhr auf. Alle vier Hercules-Maschinen landen unbemerkt mit geöffneten Heckklappen. Sie stehen kaum, da fahren schon zwei Jeeps sowie eine notdürftig schwarz umlackierte Mercedes-Limousine in Richtung Terminal.

Die Mission ist gefährdet

In so einer Kolonne ist auch Idi Amin häufig unterwegs. Die israelischen Kommandosoldaten wollen den ugandischen Wachen und den Terroristen vortäuschen, da käme der Diktator höchstselbst. Der Konvoi passiert einen Posten. Als dieser die Fahrzeuge stoppen will, schießt ein Israeli die Wachen mit seiner schallgedämpften Waffe nieder. Nachfolgende Soldaten stellen fest, dass sich die Wachen noch bewegen und töten sie mit einem Feuerstoß aus ungedämpften Waffen. Die Schüsse hallen laut über das Flugfeld, die Mission ist gefährdet.

Die Israelis verlieren keine Zeit. Sie erstürmen das Terminalgebäude. Mit Megaphonen geben Sie sich auf hebräisch und englisch zu erkennen, fordern die Geiseln auf, sich hinzulegen. Warum Jean-Jacques Maimoni trotzdem aufsteht, weiss niemand. Er wird irrtümlich erschossen. Auch Pasco Cohen und Ida Borochovitch sterben  im Kreuzfeuer. Unterdessen erschiessen die Israelis in einem heftigen Feuergefecht mehrere Terroristen. „Wo ist der Rest?“ will einer der Kommandosoldaten wissen. Die Geiseln zeigen auf eine Tür. Die Soldaten werfen Handgranaten hindurch und stürmen dann den Raum. Sie erschiessen die verbliebenen Terroristen. Drei Geiseln und alle sieben Terroristen sind jetzt tot. Keine eigenen Verluste.

Die Soldaten beeilen sich, die Geiseln so schnell wie möglich in die wartende Hercules zu verladen.  Für die knappe Stunde, die sie auf dem Flughafen verbringen um die Hercules-Maschinen aufzutanken und die Geiseln zu versorgen, entladen sie gepanzerte Mannschaftstransporter, mit denen sie sich verteidigen und die in Entebbe stationierten ugandischen Kampfflugzeuge zerstören. Niemand soll folgen.

Dabei geraten Sie unter Feuer. Ugandische Soldaten schießen vom Tower. Sie treffen sechs Israelis, einer wird nicht überleben. Die Israelis erwidern das Feuer, töten insgesamt 45 feindliche Soldaten. Doch der Kommandeur der Truppe, Yonatan Netanyahu, fällt.

Als die vier Hercules schließlich nach weniger als einer Stunde wieder abheben, bleibt eine Geisel zurück. Dora Bloch liegt im Krankenhaus der ugandischen Hauptstadt Kampala. Am nächsten Tag lässt Idi Amin sie ermorden.

Zum 200. Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erfährt die Welt, dass Israel dem Terrorismus mal wieder getrotzt hat. Vor der UNO-Vollversammlung erklärt der israelische UN-Botschafter Chaim Herzog: „Wir sind stolz, nicht nur weil hundert Leben gerettet haben, sondern auch wegen der Bedeutung unseres Handelns für die Sache der Freiheit.“

In Gedenken an den gefallenen Oberstleutnant wird die Mission Donnerkeil nachträglich umbenannt. Von nun an heißt sie Operation Yonatan. ★

Dieser Artikel erschien zuerst am 4. Juli 2012 mit einigen Extras im PDF-Format als Blink Spezial: Hier herunterladen

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