Der Erdhund erdet

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„Die sind ja so schon geil.

Aber in so einer Menge noch besser!“

Das Mädchen mit Baum-Tattoo bewundert zwei Dutzend Dackel, die durch die Hasenheide ziehen. Einmal im Monat wimmelt es vor der Szenekneipe „Posh Teckel“ in Berlin-Neukölln vor Dackeln. Sie treffen sich jeden zweiten Sonntag im Monat in der Pflügerstraße, um mit den Hunden den Volkspark Hasenheide unsicher zu machen. Zweifellos werden Dackel wieder beliebter. Für Paul Adler, der mit seiner Rauhaardackeldame Betty hier ist, ist es aber keine Modefrage. „Man sucht sich einen Hund nach dem eigenen Charakter aus“, sagt er.

Im Dackelratgeber „Der Deutsche Teckel“ von 1970 philosophierte ein Dr. Kurt Schneider über den kurzbeinigen Erdhund, er sei „sanguinisch auf der Jagd, cholerisch im Kampf, phlegmatisch zu Hause und voll grauer Melancholie wenn er gerade seinen Tag hat.“

„Er heisst Siegmund, wie Siegmund Freud“ erzählt Gianni über seinen eineinhalbjährigen Kurzhaarrüden. Der Italiener lebt mit seinem Freund in Paris, wo sie sich regelmäßig mit anderen Dackelfreunden im Parc Monceau treffen. „Siegmund fordert uns und ist gut für unser soziales Leben“, sagt Gianni weiter. „Als wir einmal beide unsere Jobs verloren haben, kamen wir dank Siegmund weiter unter Leute.“

Johnny Cash schaut zu Frauchen Ronja

Bernd Ehnes betreibt „Posh Teckel“ mit seiner Freundin Judith Schmitt. Als sie im August 2016 ein Wiedersehen des Kneipenmaskottchens Ella mit ihren Geschwistern organisierten, ahnte noch niemand, dass der monatliche Spaziergang ein mediales Ereignis werden könnte. Kamerateams, Reporter und Fotografen sind immer wieder dabei.

Eigensinnig, stur und frech.

Im Park angekommen dürfen die Erdhunde toben, kläffen und sich gegenseitig jagen. Sie dürfen aber keine Radfahrer verfolgen, was einige trotzdem nicht nicht hindert, Vintage-Rennrädern samt darauf befindlichem Hipster nachzustellen. Es ist ein Gewusel, Geknurre und manchmal ein Gejaule. Es ist ein Vergnügen für alle Hundefreunde.

„Eigensinnig, stur und frech. Und dabei sehr liebenswürdig“, nennt Renate Drux die Vorzüge ihrer langhaarigen Kaninchendackeldame Pammy, die mit neun Jahren zu den älteren Dackel in Runde zählt. Für Studentin Monique hat ihr weißer amerikanischer Rüde Puma seinen besonderen Vorzug in der Vielseitigkeit. Ob in der Stadt oder im Pferdestall. „Mit ihm kann ich ich immer viel machen.“ Ronja ist mit ihrem braun getigerten Rüden Johnny Cash hier. „Ich brauche einen Hund mit Charakter, der was eigenes machen will“, sagt sie.

Dackelratgeberautor Kurt Schneider hatte recht, als er über den Dackel schrieb: „Mehr als alles andere haben ihm nämlich die außergewöhnlichen Züge seines Verstandes, seines Gemütes und seines Charakters die Freundschaft der Menschen eingetragen“.

Der Erdhund erdet.

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